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Diese Webseite ist ein Teil des Versuchs, behinderte und nicht behinderte Menschen ein wenig dichter zusammenzubringen.  #inkluencer



Was gibt's Neues?

2020-05

In der Grundschule war ich "die Fette"- und das hat sich seitdem mal verbessert, mal verschlimmert. Die Geschichte dazu:

Die Sache mit dem Gewicht

        2020-04

        Drei Wochen zuhause bleiben zu müssen         treibt seltsame Blüten. Bei mir war es die,         das Aufräumen plötzlich ganz wichtig war -         und sogar Spaß machte:

        Räum dein Zimmer auf!

2020-03

Ich gehe wieder zur Fahrschule. Nur gut, dass ich die theoretische Prüfung nicht noch einmal machen muss, ich fiele wohl mit Pauken und Trompeten durch. Aber Handgas lernen muss ich. Dazu ein Bericht meiner ersten Fahrstunde

Beziehungen bestimmen unser Leben. Selbst der Einsiedler, der in einer entlegenen Höhle lebt, steht in Beziehung zu der Natur um ihn herum.

Schon während unserer Werdung baut sich eine Beziehung zur Mutter auf, später zum Vater, zu anderen Verwandten. Die Kreise erweitern sich stetig: Krabbelgruppe, Kindergarten, Schule und so weiter.

Die meisten Menschen haben irgendwann eine oder mehrere Liebesbeziehungen, Freundschaften, Kollegen, bis mit steigendem Alter die Menschen um uns herum weniger werden – und damit auch unsere Beziehungen.

Selbst Menschen, mit denen wir nur kurz Kontakt haben – die Person am Empfang eines Hotels, die Kassierer, Busfahrer, Friseure, erzeugen Gefühle in uns. Der Mensch ist ein Herdentier, so liest man allenthalben. Das Grillen mit Freunden, zum Mittag mit Kollegen essen gehen, der Mädelsabend, alles Beispiele für die Pflege verschiedenster Beziehungen.

 

Wie sieht aber die Beziehung zu einem behinderten Menschen aus und wie tritt dieser Mensch in Beziehung zu nicht Behinderten? Ein Thema, das Fingerspitzengefühl fordert. Aber auch eines, das berücksichtigt sein will.
Behindert sein entspricht nicht der Norm. 
Wir möchten aber normal behandelt werden.

 

Ich kenne Familien, in denen das behinderte Kind sich gegenüber bekannten Menschen mit der Bewegung seines Körpers bemerkbar macht, oder indem es einen anderen Menschen einfach bei der Hand nimmt. Das ist kein Angriff, keine bewusste Unterwanderung unseres „Tanzbereiches“ (bei den meisten Menschen kann man recht einfach erkennen, wo dieser Bereich beginnt – sie reagieren mit Versteifen oder Zurückzucken, wenn die Grenze überschritten wird), sondern oft die einzige Möglichkeit, sich anderen zu zeigen.

 

In meinem Fall ist das recht einfach, ich bin in der Lage zu sprechen – wie viele andere auch. Wie ich letztens gesagt bekam, mein Körper machte halt Schwierigkeiten, mein Kopf sei ja davon nicht betroffen. Das heißt aber nicht, dass meine Beziehungen problemlos sind. Nur sind die Schwierigkeiten meist anderer Art.

Ich brauche viel Hilfe. Wenn ich im Geschäft etwas von dem Regalboden weiter oben haben möchte, muss ich mir jemanden suchen, der es mir herunterreicht. Wenn ich nicht über eine Schwelle komme, brauche ich jemanden, der mich rückwärts darüber zieht. Das ist im Normalfall alles kein Problem, solange ich nicht allein irgendwo bin. Menschen, die an mir vorbeikommen wenn ich etwas brauche, fragen oder greifen zu. Menschen, die mich kennen, erst recht.

 

Aber genau bei den Menschen, die mich kennen, können ganz andere Schwierigkeiten entstehen.

Dazu ein kurzer Ausflug in meine Vergangenheit.

Die meisten meiner Beziehungen baute ich auf, als ich mich noch ganz normal bewegen konnte. Laufen, springen, tanzen gingen damals ohne nachzudenken. Ich hatte zwar Multiple Sklerose, davon merkte man aber erst einmal nichts. Es dauerte einige Jahre, bis die ersten sichtbaren Beschwerden kamen – und blieben. Meine Füße wurden schneller müde, nach einer längeren Strecke zu Fuß oder im Auto lief ich schwankend, platschte mit den Füßen, statt abzurollen. Die Dinge, die ich noch tragen konnte, mussten immer leichter werden. Tanzen und Springen fiel irgendwann ganz aus und mittlerweile bin ich froh und stolz, wenn ich mich allein angezogen, die Beine allein ins Bett bekommen oder mein Schnitzel geschnitten habe. Das macht es Menschen in meinem direkten Umfeld logischerweise immer schwieriger, mit mir umzugehen wie früher. Und das sorgt selbstverständlich für geänderte Beziehungen.

 

Auch logisch und für mich eine große Erleichterung ist, dass die meisten meiner Beziehungen Rücksicht auf mich und meine Bedürfnisse nehmen. Da werden Umgebungen für Treffen gesucht (und meist auch gefunden), die mir die Teilnahme im Rollstuhl ermöglichen. Da gibt es Hilfe beim Anziehen, beim Essen zubereiten, beim Einkaufen. Ich bekomme Dinge gebracht, Wege abgenommen, das Leben weitest möglich erleichtert. Ich weiß diese Rücksichtnahme und Hilfe sehr zu schätzen, musste aber – und muss noch – in vielen Fällen lernen, sie anzunehmen, was durchaus zu Unverständnis bei meinem Gegenüber führen kann. Da möchte mir jemand das Leben erleichtern und versteht meine Ablehnung nicht.

Ich bin kein gramgebeugter Grantler, aber ich habe meinen Stolz, der vielleicht mit jeder Fähigkeit, die mir abhandenkommt, solange erstmal größer wird, bis ich begriffen habe, dass ich einen weiteren Umweg brauche.

 

Speziell an Tagen, die wie ein einziger Fallstrick erscheinen, fällt es mir sehr schwer, mit dieser Rücksichtnahme umzugehen. Der Gedanke, dass andere ohne mich besser dran wären, ist dann nicht fern. Auch das mag ein gedanklicher Weg behinderter Menschen sein, über den sie für gewöhnlich nur mit sehr engen Beziehungen sprechen.

 

Diffiziler noch sind Hilfen und Ideen, die meinen körperlichen oder gedanklichen Tanzbereich unterschreiten. Manchmal sind sie notwendig, keine Frage. Wenn ich falle bringt es mir nichts, wenn jemand drum bittet, dass ich aufstehe.

Aber es wird kaum verwundern, dass ich mir im Normalfall bei den meisten Menschen eher auf die Zunge beiße, als darum zu bitten. Selbst bei Menschen, die mir sehr nahe stehen, fällt es mir oft schwer. Bei Menschen, die zum Beispiel in kollegialer Beziehung zu mir stehen, ist es mir schlicht peinlich.

 

Denn ich habe diesen körperlichen und auch gedanklichen Tanzbereich. Es tut mir gedanklich weh, zum Beispiel an die Instrumente erinnert zu werden, die ich nicht mehr spielen kann. Oder an die anderen geliebten Hobbies, die mir bestenfalls nur schwerer fallen. Es ist mir körperlich unangenehm, ungefragt als Versatzstück behandelt zu werden. Gleichzeitig auch, dass andere Kosten auf sich nehmen müssen, um mich zu sehen. Gedanklich und körperlich geht mir einiges zu nah. Es mag sein, dass man es mir nicht ansieht, aber dieserart Situationen sorgen irgendwann dafür, dass ich mich zurückziehe.

 

Dazu kommt – ich denke bei vielen – der Wunsch, nicht zur Last fallen zu wollen. Und das wiederum resultiert darin, dass man eher zuhause bleibt, als auszugehen – was der Pflege jedweder Beziehung entgegenläuft.

Auch und gerade der ehelichen Beziehung.

Wenn sich Ehepartner gezwungenermaßen auf der Pelle hocken braucht es sehr viel Gleichmut. Wenn der eine oder andere dann genervt von sich ist und das am Partner auslässt, ist der nächste Streit vorprogrammiert.

 

Aber natürlich empfinde nicht nur ich, dass sich die Beziehungen zu mir verändert haben, seit ich behindert bin. Da taucht durchaus die Frage auf, wie meine besonderen Bedürfnisse betitelt werden sollen. Dazu kann ich nur um Ehrlichkeit bitten und darum, diesem Kind den richtigen Namen zu geben.

 

Ich bin behindert. Fertig.

Die meisten Behinderten, die ich bisher kennenlernte, sehen das ebenso.

 

Meine näheren und ferneren Beziehungen sorgen sich um mich vermutlich mehr als um jemanden, der nicht mit dem Rollstuhl unterwegs ist. Die meisten gehen vorsichtiger mit mir um weil sie nicht wissen, wie belastbar ich bin. In dem Jahrhundertsommer im letzten Jahr bekam ich vielfach gesagt, dass ja „Schon ein gesunder Mensch mit dieser Hitze zu kämpfen“ hätte, dass man mich aber ganz besonders bewunderte.

 

Ich liebe es, zu lernen, aber ich hasse es, dazu gezwungen zu sein. Meine Behinderung zwingt mich zu lernen, den Wunsch zu lernen habe ich, weil ich meinen Jahren und Beziehungen mehr Leben geben möchte.

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